Eli Scharabi: 16 Monate in Gaza-Tunneln
Eli scharabi: 16 monate in gaza-tunneln
Eli Scharabi verbrachte 16 Monate in Tunneln unter dem Gazastreifen - angekettet an den Beinen, zu essen gab es schimmeliges Fladenbrot. Zwei Jahre nach dem Terrorangriff der militant-islamistischen Hamas in Israel, der den Gazakrieg auslöste, fürchtet er, dass ein junger Mann – der ihm während der gemeinsamen Gefangenschaft wie ein Sohn ans Herz wuchs – noch Schlimmeres durchmachen muss. Seine ganze Hoffnung richtet sich nun auf den jüngsten US-Friedensplan, der auch ihn und die übrigen Geiseln, die noch immer im Gazastreifen festgehalten werden, nach Hause bringen soll. Scharabi selbst war im vergangenen Februar freigelassen worden.
Erst nach seiner Rückkehr erfuhr der heute 53-Jährige, dass seine Frau und zwei Töchter - beide Teenager - bei den von der Hamas angeführten Anschlägen am 7. Oktober 2023 in ihrem Zuhause getötet worden waren. Insgesamt wurden 1.200 Menschen umgebracht und 251 nach Gaza verschleppt. Viele der Geiseln wurden inzwischen im Rahmen von Waffenpausen und anderen Vereinbarungen freigelassen, andere sind ums Leben gekommen. Schätzungen zufolge befinden sich noch 48 Geiseln im Gazastreifen – etwa 20 von ihnen sollen noch am Leben sein.
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Scharabi sagt, dass er nicht mit den Geschehnissen abschließen könne, bevor alle Geiseln heimgekehrt sind - einschließlich seines engsten Gefährten in der Gefangenschaft, dem jetzt 24-jährigen Alon Ohel, und der Leiche seines eigenen älteren Bruders Jossi. Scharabi dokumentierte seine Erfahrungen in dem Buch „Hostage“, das im Mai auf Hebräisch veröffentlicht wurde und nun, zum zweiten Jahrestag der Hamas-Attacke, auch in einer englischen Version erhältlich ist. Es sind die ersten Memoiren einer ehemaligen Gaza-Geisel.
Scharabi beschreibt darin, wie er zumeist in dunklen Tunneln festgehalten wurde, umwimmelt von Insekten und Ratten. Er und drei andere Geiseln durften sich nur alle paar Monate waschen, und einmal wurde er von einem wütenden Bewacher derart geschlagen, dass er mehrere Rippenbrüche davontrug. Das einzige Mal, dass sie das Tageslicht erblickten, war, als man sie durch von Trümmern übersäte Straßen von einem Tunnel zum nächsten brachte.
Weite Teile der Palästinenser-Enklave sind bei den israelischen Angriffen im Gefolge der Hamas-Attacke zerstört worden. Mehr als 67.000 Menschen wurden getötet und ungefähr 90 Prozent der etwa zwei Millionen Einwohner zu Vertriebenen. Der Krieg hat eine humanitäre Katastrophe ausgelöst – in der Stadt Gaza herrscht nach Einschätzung von Expertinnen und Experten Hungersnot.
Im Zuge der sich verschlimmernden Lage im Land wurde die tägliche Essensration der Geiseln von zwei auf eine Mahlzeit reduziert - meist schimmeliges Fladenbrot. Scharabis Bewacher hätten dagegen „wie Könige“ gespeist, genüsslich Kisten mit humanitären Hilfen geleert, die für Zivilisten vorgesehen waren. Die „schwierigste Sache“ für ihn sei der Hunger gewesen, sagte er der Nachrichtenagentur AP. Bei seiner Freilassung wog er nur noch 44 Kilo.
Die letzte Erinnerung an seine Familie war der schiere Horror, der in ihren Augen stand, als er am 7. Oktober 2023 aus seinem Haus im Kibbuz Be'eri verschleppt wurde. Seit seiner Freilassung kehrte er bislang nur einmal an den Ort zurück - sein Haus betrat er jedoch nicht.
Scharabi weiß, dass er diesen Schritt irgendwann gehen muss – als Teil seines inneren Heilungsprozesses. Er wird die Blutflecken, die von Kugeln durchsiebten Wände und die zerbrochenen Fenster mit eigenen Augen sehen müssen. Aber noch ist er nicht so weit. Der Kibbuz hatte vor zwei Jahren die größten Verluste erlitten, allein hier kamen 106 Einwohner ums Leben.
Hoffnung im Angesicht der Katastrophe
Nach mehreren Wochen der Gefangenschaft in einer Wohnung wurde Scharabi in die Tunnel verlegt und dort zusammen mit drei von einem Musikfestival entführten Israelis festgehalten. Fast doppelt so alt wie seine Gefährten, übernahm er die Rolle einer Vaterfigur. Er half ihnen, eine Art Fitness-Programm zu entwickeln, um ihre Körper - trotz der Ketten an den Beinen - in Bewegung zu halten. Und jeden Tag versuchten sie, über etwas Gutes zu sprechen, das geschehen war - und sei es auch nur, dass sie ein bisschen mehr Essen als üblich erhalten hatten. Keiner der Männer war vor dem 7. Oktober religiös, aber in der Gefangenschaft beteten sie regelmäßig zusammen.
„Du begreifst, dass sie dich jeden Augenblick töten können. So versucht du dann, das Licht und die speziellen Momente zu finden“, sagt Scharabi. „Überleben baut sich aus kleinen Siegen auf.“
Rückkehr in die Heimat und ungelöste Traumata
Die Zeit nach seiner Freilassung widmete er hauptsächlich dem Drängen auf eine Rückkehr der verbliebenen Geiseln. Er schrieb das Buch, traf mit US-Präsident Donald Trump zusammen und sprach vor dem UN-Sicherheitsrat. Sein unermüdlicher Aktivismus wird vor allem von der Sorge um Alon Ohel getragen – den einzigen der vier Geiseln, der im vergangenen Februar nicht freigelassen wurde. Als der junge Mann erfuhr, dass er zurückbleiben muss, erlitt er eine Panikattacke.
„Vor dem 7. Oktober war ich Friedensaktivistin – jetzt bin ich Überlebensaktivistin“
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„Wir dachten, es würde die glücklichste Nachricht sein, die wir jemals hören, der Tag, an dem sie dich wissen lassen, dass du freigelassen wirst, aber wegen Alon wurde es sehr kompliziert“, schildert Scharabi. „Der Tag, an dem ich ihn verließ, war einer meiner härtesten in Gefangenschaft.“ Das nächste Mal, dass er Ohel sah, war in einem Geiselvideo, das im September veröffentlicht wurde. Er war abgemagert und blass.
Scharabi hofft, dass seine drastische Sprache in dem Buch die Leserinnen und Leser in die Tunnel hineinführt. Er möchte, dass Israels falkenhafte Regierung alles tut, um den Krieg zu beenden und die Gefangenen heimzubringen. Er will, dass Ohel weiß, dass seine Lieben „wie Löwen“ für seine Freilassung kämpfen. „Ich bin sicher, dass du die Stärke hast, in der Gefangenschaft am Leben zu bleiben und diese Hölle zu überleben“, sagt Scharabi an den jungen Mann gerichtet. „Dann, eines Tages, wirst du bei uns sein. Und wir werden all das zusammen tun, was wir (uns) versprochen haben.“