Goethes 'Faust' im Köln: Ein Licht-Spektakel mit Marcel Urlaub

Mehr licht!

Das Gerücht, dass dies die letzten Worte des Altmeisters Goethe auf seinem Sterbebett gewesen seien, hält sich hartnäckig. Der Kölner Intendant Kay Voges hat jedoch vor drei Jahren an seiner bisherigen Wirkungsstätte, dem Volkstheater Wien, aus Goethes Opus Magnum 'Faust' ein wahres Licht-Spektakel gemacht. Die Inszenierung feierte nun in teilweise neuer Besetzung ihre Köln-Premiere.

Marcel urlaub und die fotografie

Marcel urlaub und die fotografie

Marcel Urlaub gehört zu dieser Besetzung. Er ist ein Fotograf und sammelt Augenblicke. Genau 25 Mal kommt das Wort angeblich in Goethes Originaltext vor. Vor acht Jahren stand es im Titel eines von Voges und seinem Dramaturgie-Team am Schauspiel Dortmund erarbeiteten 'Theater-Essays'. Die Aufführung von 'hell. Ein Augenblick' markierte den Beginn der experimentellen Arbeit des Regisseurs mit dem Medium Fotografie und seiner Zusammenarbeit mit dem Theater- und Werbefotografen Urlaub, der damals wie heute mitten auf der Bühne agierte und die Inszenierung per Live-Fotografie wesentlich mitgestaltete.

Inszenierungen aus der wiener zeit

Die Inszenierung Kay Voges' 'Faust'-Inszenierung kam in veränderter Besetzung am 25. September 2022 am Wiener Volkstheater zur Premiere, wo der Regisseur als Intendant fungierte. In seiner ersten Spielzeit als Intendant des Schauspiels Köln wird Voges zahlreiche weitere Inszenierungen aus seiner erfolgreichen Wiener Zeit ins Rheinland holen.

Termine

'Faust' ist im Schauspiel Köln wieder am 25., 26. und 28. Oktober, am 11. und 12. Dezember sowie am 21. Januar und am 20. Februar 2026 zu sehen. Tickets unter 0221 221 28400 oder www.schauspiel.koeln.de

Fotografie und inszenierung

Wie das funktioniert, wird beim 'Faust' zu Beginn augenzwinkernd vorgeführt: Urlaub knipst unablässig ins Publikum, und mit kurzer Verzögerung erscheinen seine Fotos auf dem großen Videoscreen. Amüsiert entdeckt man Freunde und Bekannte. Und man erinnert sich: Auch Faust wartet sehnsüchtig auf den einen Moment, den einen Augenblick in seinem Leben, zu dem er sagen kann, verweile doch, du bist so schön.

Textliche und inszenatorische elemente

Nicht nur fotografisch, auch textlich und inszenatorisch hat Kay Voges Goethes Drama aus Augenblicken zusammengesetzt. Den Fotografen bekommen wir im Anschluss an die Eingangsszene zwar selten zu Gesicht, aber er ist nach wie vor Akkordarbeiter. Er sendet mal gestochen scharfe, mal verschwommene, mal bewusst überbelichtete Fotografien turbulenter Szenen aus einem kubusförmigen Bungalow mit Schlaf- und Studierzimmer. Dort tummeln sich drei 'Fäuste', vier Gretchen und manch anderes vervielfältigte Personal.

Kommentare und bebilderung

Die häufig schrillen Fotografien kommentieren und bebildern in oft ironisierender Form die 'Worte, Worte, Worte', die der Theaterdirektor Uwe Schmieder zu Beginn wichtigtuerisch angekündigt hatte. Paul Grill, einer seiner Fäuste, hatte schüchtern eingewandt, Schmieders Konzept klinge ein bisschen nach Gemischtwarenladen. Tatsächlich benennt Grill damit ein Problem von Voges' Inszenierung: Wenn man den Faust aus Augenblicken zusammensetzt, in Momentaufnahmen erzählt, gar ein paar Szenen aus Faust II dranhängt und kaum Zusammenhänge schafft, gerät man in eine gefährliche Nähe zum Gemischtwarenladen. Aber was der im Kölner Depot 1 in der Auslage hat, findet man zumindest nicht in jeder Fußgängerzone.

Visuelle elemente

Visuell ist der Laden eine Wucht. Er hat Fotos, Videos und Kostüme im Angebot, die zu großen Teilen aus amerikanischen Western-, Horror- und Partyfilmen zusammengeklaubt scheinen – wüste Sex-Orgien, aus dem Ruder laufende Partys der multiplen Fäuste und Gretchen sowie Hollywood- und Strand-Panoramen inklusive. Schwankende Gestalten geistern durch die Bilder, was im Drogenrausch nicht weiter überrascht. Silikonmasken mit dem mächtigen Schädel von Andreas Beck (dem alten Faust) sitzen auf den schmächtigen Körpern von Uwe Rohbeck und anderen leichtgewichtigeren Schauspielern: Alte geile Zwerge suchen nach sinnlicher Ekstase statt nach Erkenntnis. Dass Marcel Urlaubs Kamera den mittelalten Faust des Frank Genser angesichts solcher Strapazen mehrfach groggy im Zustand eingeschränkten Bewusstseins vor seinem Wohnzimmersessel erwischt, ist dem Manne nachzusehen.

Gretchen und mephisto

Die lineare Geschichte des Goethe’schen Dramas interessiert den Regisseur eher peripher. Für sie ist Andreas Beck zuständig, der mittlerweile so etwas wie der Doyen des Voges-Teams ist. Er gibt den alten Faust, den desillusionierten, vom Leben nichts mehr erwartenden Professor. In all dem Tohuwabohu steht er recht statisch auf der Vorderbühne und deklamiert seinen Text – old-fashioned an der Grenze zur Langweiligkeit. Und tatsächlich: Gelangweilt ist er ja, Goethes Universalgelehrter. Den Mann kann nur noch der Pakt mit dem Teufel und der Sex mit einer jungen hübschen Frau aus seiner Lethargie reißen. Manchmal steckt der Teufel in der jungen Frau. Voges konzentriert sich nahezu ausschließlich auf die Gretchen-Geschichte. Zwei der vier Gretchen-Darstellerinnen gehören gleichzeitig zum Team der drei Mephistos – es wohnen halt mehrere Seelen in mancher Brust; die eine oder andere Margarete hat gar einen feministischen Kern. Birgit Unterweger und Lavinia Nowak in rassigen, sexy roten Roben, Uwe Rohbeck dazu mit allerliebsten kurzen Teufelshörnern sind drei ansehnliche Satansbraten. Nowak und Hasti Molavian geben züchtige Gretchen in konservativem Outfit. Wer so brav ist wie Molavian, gerät schnell selbst zum Opfer: Die ausgebildete Mezzo-Sopranistin singt wunderschön das Lied vom König von Thule – und wird vom toxisch männlichen Theaterdirektor Uwe Schmieder solange niedergemacht, bis Marcel Urlaub genügend Tränen vor der Linse hat.

Musik und atmosphäre

Aber sie singt. Auch die Musik spielt eine atmosphärisch dominante Rolle. Paul Wallfisch hat einen tollen Soundtrack zusammengestellt, der von Carl Orffs bombastischer Carmina Burana bis zu Dolly Partons 'Satan's River' und Indie-Rock-Rhythmen reicht. Nur die 'Worte, Worte, Worte' gehen unter. Goethes Drama kommt allenfalls fragmentarisch über die Rampe. Was die Welt im Innersten zusammenhält, erfährt der Faust von heute nicht mehr, denn die Welt ist bis zum Äußersten fragmentiert. Für den Zuschauer heißt das: Wer seinen Goethe nicht kennt, wird im Strom der Bilder ertrinken und wie der Protagonist ohne Erkenntnisgewinn bleiben.

Schluss und reinkarnation

Faust erlebt zum Schluss noch eine vierte Reinkarnation. Jetzt übernimmt Uwe Schmieder die Rolle. Er wird am Seil zum Himmel hinaufgezogen und stirbt mit den in der Überlieferung seinem literarischen Schöpfer in den Mund gelegten Worten 'Mehr Licht!' Es folgt ein letzter Click, gleißende Helle, dann Dunkel. Und es bleibt Voges’ Experiment von vor acht Jahren: die Fotografie als Sinnbild für die großen Themen der Menschheit: das Verhältnis von Erinnerungen und Nachbildern, Mensch und Zeit, Leben und Tod. Von Hell und Dunkel.