Kunstausstellung 'Poetics of the Everyday': Privates wird zur öffentlichen Bühne
Einführung
In der zeitgenössischen Kunst taucht in gewissen Abständen immer wieder eine bestimmte Strömung auf: die Hinwendung zum Privaten. "Ein ehemals geschützter Bereich wird zur öffentlichen Bühne, meist in Phasen gesellschaftlicher und politischer Umbrüche", erklärt Hanne Tonger-Erk. Für die Sies und Höke Galerie, Poststraße 2/3, hat sie "Poetics of the Everyday" kuratiert. Die Ausstellung, anschaulich, ironisch und witzig illustriert, greift die Banalität des Alltäglichen in der Kunst auf.
Ausstellungsdetails
Bis zum 13. November werden im Erdgeschoss, auf der Galerie und in der dritten Etage 43 Objekte aus verschiedenen Genres präsentiert – Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation. Darunter die charmant verfremdete "Rennende Schere" von Sigmar Polke, das gestärkte Küchenhandtuch von Konrad Lueg, die verbeulte grüne Ginflasche "Reclining Drunk" von Gilbert & George.
Besondere werke
Andreas Gursky lichtete 2025 seinen eigenen Elektroherd mit rot leuchtenden LED-Knöpfen ab. In ihrem Selbstporträt im dunkelblauen Berliner Badezimmer lugt die Künstlerin Nan Goldin mit verstörtem Blick aus dem Spiegel. Annette Messagers schuf mit "Le Crabe Cancer", arrangiert aus Büstenhaltern, einen großformatigen Blickfang. Daneben ein US-Originalkarton mit Haarfärbemittel aus den 60er-Jahren von Alex Da Corte.
Gesellschaftspolitische botschaften
Hinter manchen Arbeiten verbirgt sich eine gesellschaftspolitische Botschaft. Die Lampe "Angst" von Alicja Kwade steckt den Kopf in den Sand. Mit "Garbage Spaghetti" und "Boxer’s Bed" deutet Lukas Müller einsame Szenen aus dem Obdachlosen-Milieu an. Daneben lässt Thomas Zipp Lichter in irritierender Schärfe flackern.
Weibliche künstler
Viele weibliche Künstler sind in der Schau vertreten. Was erzählt das Foto mit glänzenden, fetischähnlichen Lackstiefeln neben molligen nackten Babybeinchen? In "Boot Heart" drückte die New Yorker Fotografin Talia Chetrit die Diskrepanz von Mutterschaft und Beruf aus. Bei dem martialisch wirkenden Foto "Heavy Metal" von Alexandra Bircken muss man genau hinschauen, sind das nun Nägel oder Stecknadeln? Zum Ausgleich amüsiert eine Installation von Pipilotti Rist: ein von innen erleuchteter biederer Badeanzug auf einem Kleiderbügel. Isa Genzken ist mit mehreren Werken vertreten, etwa einem schwarzen in Beton gegossenen Weltempfänger.
Provokante kunstwerke
"Gerade das Alltägliche, von denen sich diese Künstler inspirieren ließen, kann ein Spannungsfeld erzeugen und unglaublich provokant wirken", sagt Hanne Tonger-Erk und verweist auf "Loo Paper" von Gerhard Richter. Aus dem 60er-Jahre-Gemälde einer Toilettenpapier-Rolle mit Wandhalter, damals heiß umstritten, ging in den 1990er-Jahren eine Edition hervor. Das eigentlich banale Bildmotiv spielt mit den Prinzipien der Pop Art und erfährt durch Richters typische unscharfe Malweise eine Erhöhung. "Poetics of the Everyday" regt an, auch zum Nachdenken.
Schlussfolgerung
Die Ausstellung "Poetics of the Everyday" zeigt, wie das Alltägliche in der Kunst verwendet werden kann, um gesellschaftliche und politische Themen auf provokante Weise zu beleuchten. Die Werke laden zum Nachdenken und zur Diskussion ein.