Klaus Doldinger: Ein Leben für die Musik
Ein vorschlag für die 500.000-euro-frage bei günther jauch
Worum handelt es sich bei der Buchstabenfolge G-C-B-ES-A-D? Die Frage ist fies, aber man könnte auf die Antwort kommen, weil sie sich Woche für Woche in unser Ohr schneidet und anderswo am Körper Gänsehaut auslöst. Es handelt sich um die Anfangsnoten der "Tatort"-Titelmelodie, und dass sie sich bis heute gehalten hat, liegt an ihrem genialen Kunstcharakter. Der Komponist lässt nämlich drei Quarten aufeinanderfolgen, es wirkt, als treffen drei Polizeiwagen mit eingeschalteten Sirenen nacheinander am Tatort ein. Dass die Quarten unterschiedliche Tonhöhen haben, ist eine hübsche kompositorische Verneigung vor dem sogenannten Dopplereffekt.
Der komponist klaus doldinger
Der Jazzmusiker Klaus Doldinger konnte diese Musik irgendwann nicht mehr leiden, denn er hat sie komponiert und musste sie fortan immer ungewollt anhören, sobald er zur Abendstunde einen Fernseher einschaltete. Auf irgendeinem Sender lief ja garantiert ein "Tatort". Dessen Thrillervorspann ist seine Unsterblichkeits-Signatur. Weniger Gassenhauer als Straßenfeger: Sobald diese Musik begann, hatte eine Familie 37 Sekunden Zeit, sich auf dem Sofa einzufinden. Doldinger erfand diese raffinierte Versammlungsfanfare im Jahr 1970, und dass sie wohl auch noch das 22. Jahrhundert erreichen wird, liegt an ihrer Unvergesslichkeit.
Ein leben für die musik
Jetzt ist Doldinger im Alter von 89 Jahren gestorben, und irgendwie fühlt man Dankbarkeit, dass er uns Musikfreunde so viele Jahrzehnte beschenkt hat. Ja, man darf wirklich von Schenkungen sprechen, geboren aus jener Freigebigkeit, die dem in Berlin geborenen und in Düsseldorf sozialisierten Doldinger nie schwerfiel. Er trug ja das Schaffens-Gen in sich – ihm fiel immer was ein. Und das strömte aus ihm heraus.
Studium und karriere
Natürlich waren Düsseldorf und das Rheinland das ideale Ziel für den Berliner. An der Robert-Schumann-Hochschule absolvierte er, von 1947 an als Jungstudent, gleichsam ein Studium generale: Klavier, Klarinette, Musikwissenschaft und Tontechnik. Dass er am Ende Tonmeister war, kam ihm bravourös zugute, denn was nutzten die tollsten Melodien, wenn sie kein klingendes Gewand, keine vibrierende Hülle besaßen? Der NRW-Landeshauptstadt blieb Doldinger immer verbunden, mehrere Jahre war er Schirmherr der Düsseldorfer jazz-Rally. Seit 1968 lebte er allerdings im oberbayerischen Icking, wo er übrigens einigen nicht minder berühmten Nachbarn die Hand schütteln konnte, etwa Gert Fröbe und Golo Mann.
Die passport-band
Doldinger stellte sich selbst immer Visa für die weite Welt aus, sammelte auf Konzerten in aller Welt sprudelnde Kontakte – und dass er einmal sogar Alphonse Mouzon integrierte, empfand er wohl als persönlichen Husarenstreich: Mouzon spielte eigentlich bei Weather Report mit. Der andere war der Intensivkontakt mit einheimischen Musikern auf der denkwürdigen Marokko-Tournee von 2005.
Erbe und bedeutung
Doldinger schrieb rund 2000 Stücke und gab über 4200 Konzerte in rund 50 Ländern. Dass Doldinger kein ausgebildeter Saxofonist war, hörte kein Mensch. Als er einmal mit seinem US-amerikanischen Kollegen Johnny Griffin spielte (der für seine Virtuosität fast berüchtigt war), staunte der nicht schlecht, als Doldinger ihm eröffnete, dass er eigentlich Autodidakt war. Learning by doing, war seine Devise. Doldinger hatte sowieso andere Pläne: Er dachte zunehmend orchestral, nicht in kleinen hyperintensiven Quartetten. Sowieso war ihm die "Made in Germany"-Devise ein Herzensanliegen, denn es musste eine deutsche Antwort auf die US-amerikanische Fusion-Band Weather Report gefunden werden. Doldinger nannte seine Gruppe Passport und machte ihr gleich die Reisepapiere fertig.
Legacy
Wer sich mit einem Schnipsel einen famosen Einblick in die Passport-Kompetenz verschaffen will, höre mal beim Album "Cross-Collateral" rein, bei dem der Name Programm ist. Ein Kritiker schrieb über das Album damals, es zeige, "wie gut diese jazz-Band rocken kann und wie gut diese Rock-Band jazz spielen kann". Doldinger wusste, wie es geht. Sein Kommando für alles im Leben und den Klang seines Saxofons lautete: volle Kanne voraus.