Ist der Krieg wirklich zu Ende?
Hohe lebensmittelpreise
Bassil Naggar kann endlich wieder schlafen, ohne durch das Geräusch israelischer Luftangriffe aus dem Schlaf gerissen zu werden. Für Naggar und seine mehrfach aus ihrem Zuhause vertriebene Familie sowie zahlreiche andere Menschen im Gazastreifen bedeutet die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas eine dringend benötigte Atempause nach einem zweijährigen Krieg, der Zehntausende Palästinenser und Palästinenserinnen das Leben gekostet und einen Großteil des Gebiets in eine Trümmerwüste verwandelt hat.
Neue attacken in gaza – kippt die waffenruhe?
Das Leben nach der Waffenruhe ist immer noch von Unsicherheit geprägt“, sagt Naggar, der seit Kriegsbeginn etwa ein dutzend Mal vertrieben wurde. „Ist der Krieg wirklich zu ende?“ Seine Ängste werden durch Erinnerungen an tödliche israelische Luftangriffe im März geschürt, die eine frühere Waffenruhe zunichte machten. Naggars Zelt steht in der mit Vertriebenen überfüllten Küstenregion von Al-Mawasi, es ist abgenutzt. Er sagt, sein Zuhause in der Stadt Chan Junis sei niedergebrannt. Naggar macht sich Sorgen darüber, wie sich seine Familie im Winter warm halten kann.
Sorge in nahost
Das Ausmaß persönlicher und gemeinschaftlicher Verluste ist seit dem Inkrafttreten der Waffenruhe am 10. Oktober deutlicher geworden. Viele Menschen konnten seither in ihre früheren Wohnviertel zurückkehren und nachsehen, was von ihrem Zuhause übrig ist.
Hohe lebensmittelpreise
Zuletzt ernährten sie sich überwiegend von Dosennahrung wie Bohnen und Kichererbsen. Inzwischen habe er auf dem Markt auch wieder Instantnudeln und Kartoffelchips entdeckt, sagt er. Die Preise seien etwas gesunken, aber immer noch zu hoch.
Welternährungsprogramm
Das Welternährungsprogramm handele „rasch, um die Nahrungsmittelhilfe auszuweiten und Familien zu erreichen, die seit Monaten unter Blockaden, Vertreibung und Hunger leiden“, sagte Sprecherin Abeer Etefa am Freitag in Genf. Als Herausforderungen nannte sie zerstörte Infrastruktur und die Notwendigkeit von mehr geöffneten Übergängen nach Gaza.
Hilfsgüter nach gaza
Zwischenzeitlich war die Einfuhr dringend benötigter humanitärer Hilfsgüter nach Gaza für zwei Tage unterbrochen, um Geiseln und Gefangene auszutauschen und wegen eines jüdischen Feiertags. Nach einem tödlichen Angriff auf Soldaten in Rafah hat Israel laut Angaben eines Vertreters der Sicherheitskräfte den Transport von Hilfsgütern in den Gazastreifen am Sonntag ausgesetzt.
Auswirkungen des krieges
Ausgelöst wurde der Krieg vom Überfall der Hamas auf den Süden Israels, bei dem in Israel rund 1.200 Menschen getötet und 251 als Geiseln genommen wurden. Bei der anschließenden israelischen Offensive wurden nach Angaben des der Hamas unterstehenden Gesundheitsministeriums im Gazastreifen mehr als 68.000 Palästinenser und Palästinenserinnen getötet.
Waffenruhevereinbarung
Gemäß der Waffenruhevereinbarung sollen täglich Hunderte Lastwagen in den Gazastreifen einfahren dürfen. Die israelische Militärbehörde Cogat, die für die Koordinierung der Hilfe in den palästinensischen Gebieten zuständig ist, äußerte sich auf Anfrage nicht zur Zahl der Lastwagen mit Hilfsgütern, die seit Beginn der Waffenruhe in den Gazastreifen gelangten.
Nöte der bevölkerung
In der Stadt Deir al-Balah standen am Donnerstag unzählige Menschen vor einer Suppenküche an, in der Hand Schalen und Töpfe. Die aus Chan Junis vertriebene Fatima Schaat sagt, sie habe sechs Stunden auf etwas zu essen gewartet. Basma Abu al-Cheir sagt, zwar hätten einige Waren den Gazastreifen erreicht, „aber es ist unmöglich, zu kaufen, was wir möchten“, denn die Preise seien zu hoch. Und die aus dem Norden des Gazastreifens vertriebene Fida Sijat erklärt, auf dem Markt gebe es zwar Tomaten, Gurken und Auberginen, aber Geflügel und Fleisch seien knapp und alles koste mehr als vor dem Krieg.
Rückkehr in ruinen
In Deir al-Balah ist Ajman Abu Saif weiterhin auf Suppenküchen angewiesen. „Es gibt entweder Reis oder Pasta“, sagt Abu Saif, der früher im Gastgewerbe und in der Gastronomie arbeitete. Während des Krieges wurde er wiederholt vertrieben. „Die Preise auf dem Markt sind jetzt annehmbarer“, sagt er. So konnte er für seine Kinder erstmals seit mehr als einem Jahr drei Äpfel kaufen. Ob er in die Stadt Gaza zurückkehrt, wo er lebte, weiß er noch nicht. Er habe ein Foto von seinem zerstörten Zuhause gesehen, sagt er. Und nicht nur sein Zuhause sei weg: „Es gibt kein Wasser und keine Infrastruktur. Ich kann nicht zurück, selbst wenn ich wollte.“
Folgen des krieges
Viele vertriebene Palästinenser und Palästinenserinnen, die in ihre Viertel zurückkehrten, stehen vor eingestürzten Gebäuden. Andere sind mit Einschusslöchern übersät, von einigen stehen nur noch einzelne Mauern. In den Trümmern suchen sie nach Spuren ihres früheren Lebens.
Zukunftsängste
Abu Saif beklagt die Folgen, die der Krieg für seine Kinder hat – und fürchtet um ihre Zukunft. „Es ist gut, dass das Blutvergießen beendet ist, aber wir haben alles verloren“, sagt er. Sein sechs Jahre alter Sohn habe keine angemessene Schulbildung erhalten und werde wahrscheinlich auch in nächster Zeit keine bekommen. „Ich möchte nicht, dass meine Kinder denken, dass das Leben so ist: hinter einer Suppenküche herzulaufen, um etwas zu essen zu bekommen, oder kilometerweit zu laufen, um sauberes Wasser zu holen“, sagt Abu Saif. „Das ist nicht die Realität, und so ist das Leben nicht.“ Aber er sei nicht sicher, ob sich das Leben in Gaza bald ändern wird.