Was erwartet das Publikum in Ihrem Theaterstück „Destination: Origin“?
Was erwartet das publikum in ihrem theaterstück „destination: origin“?
Der Regisseur Mohammad Rasoulof hat versucht, die persönlichen Geschichten der Figuren – die allesamt in der Realität verwurzelt sind – mit der Darstellung des Lebens in einer tyrannischen Gesellschaft zu verweben. Dabei hat er sich der vielfältigen Ausdrucksmittel des Kinos wie auch des Theaters bedient. Sein Ziel war es, individuelle und kollektive Erfahrungen auf eine Bühne zu bringen, auf der die Grenze zwischen Realität und künstlerischer Neuschöpfung verschwindet und so ein neuer Raum für Verständnis, aber auch für Empathie entsteht.
Das Stück ist zweimal in Düsseldorf zu sehen.
Der Regisseur Mohammad Rasoulof gehört zu den wichtigsten Filmemachern der Gegenwart. Sein jüngstes Werk „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ wurde bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet und war für den Oscar nominiert. Rasoulof und die drei Darstellerinnen des Films – Niousha Akhshi, Setareh Maleki und Mahsa Rostami – mussten aus dem Iran fliehen und leben jetzt in Berlin.
Das Stück „Destination:Origin“ verarbeitet der Regisseur und die Schauspieler ihre Erfahrungen mit Flucht und Exil, Identität und künstlerische Freiheit. Drei Theater – darunter das Düsseldorfer Schauspielhaus sowie die Berliner Festspiele – haben sich zusammengetan und diese erste Theaterarbeit von Mohammad Rasoulof koproduziert.
Termine Das Stück ist im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses am 10. und 11. Oktober zu sehen. Im Anschluss an die Vorstellung vom 11. Oktober wird zudem „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ im Unterhaus gezeigt. Karten und weitere Informationen unter www.dhaus.de.
Und wie kam es überhaupt zur Idee, das Stück zu schreiben und zu inszenieren?
Rasoulof Um das Aufenthaltsproblem der Schauspielerinnen meines Films „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ in Deutschland zu lösen, schlug Navid Kermani – der inzwischen ein guter Freund von mir geworden ist – vor, dass die jungen Leute ein Theaterstück aufführen sollten. Er stellte mich Matthias Lilienthal vor, und da wurde mir klar, dass die beste Geschichte, die man erzählen konnte, die Erfahrungen waren, die die Frauen auf dieser Reise selbst gemacht hatten.
Würden Sie sagen, dass Ihre Kunst auch ein wichtiger Teil Ihrer Identität ist? Und dass Kunst für Sie dadurch eine Art Zuhause sein kann?
Rasoulof Ich glaube, dass die meisten Künstler ein tiefes Bedürfnis nach künstlerischem Schaffen bereits in sich tragen. Das ist nicht nur ein vorübergehender Wunsch oder ein zufälliger Impuls, sondern eine Notwendigkeit ihrer Existenz. Das künstlerische Schaffen prägt die Identität des Künstlers und definiert, wer er in Bezug auf die Welt ist, während es gleichzeitig sein Leben durchdringt. Alltägliche Momente, persönliche Beziehungen und sogar seine Art, die Realität wahrzunehmen, werden durch diese kreative Kraft beleuchtet und verwandelt. Für viele Künstler ist das Schaffen so lebenswichtig wie das Atmen oder das Schlagen ihres Herzens; ohne es bricht etwas Wesentliches in ihnen zusammen. Das künstlerische Schaffen wird quasi zu einem Zufluchtsort und zu einer Brücke, um andere zu erreichen. Es ist der Ort, an dem das Persönliche und das Kollektive aufeinandertreffen und an dem das Leben selbst einen neuen Sinn findet.
Hoffen Sie denn, eines Tages in Ihr Heimatland zurückzukehren?
Rasoulof Manchmal habe ich das Gefühl, den Iran nie wirklich verlassen zu haben. Das liegt nicht nur an der persischen Sprache, den täglichen Nachrichten oder dem Geschmack des Essens, das immer noch auf meinem Tisch steht, sondern auch an den unerwarteten Dingen: dem plötzlichen Wind, der mir ins Gesicht weht, dem Anblick des Regens vor meinem Fenster oder sogar der einfachen Handlung, einen Schalter zu betätigen und zu beobachten, wie Strom zu Licht wird –, die mich augenblicklich zurück in den Iran versetzen. Jetzt, nach mehr als einem Jahr in der Ferne, bin ich mir sicher: Sein Land zu verlassen, seine Grenzen nur mit dem eigenen Körper zu überschreiten, reicht niemals aus.
Würden Sie sagen, dass Ihre Filme und Theaterstücke auch vor diesem Hintergrund eher ein Akt der Hoffnung oder eher des Widerstands sind?
Rasoulof Meine künstlerische Arbeit spiegelt meine Erfahrung des Lebens in den Umgebungen und Räumen wider, die ich berührt und bewohnt habe. Mal hoffnungsvoll, mal verzweifelt; mal zerbrechlich und mal widerstandsfähig. So wie sich das Leben zwischen diesen wechselnden Zuständen entfaltet, trägt meine Arbeit Spuren von Verletzlichkeit und Stärke in sich, von Unsicherheit und Hoffnung. Letztendlich ist das, was ich schaffe, nichts anderes als ein Spiegelbild des Lebens selbst.
Wie erleben Sie Ihr Exil inzwischen? Als eine Art Entwurzelung? Oder vielleicht auch als einen erzwungenen Neuanfang?
Rasoulof Diese Phase meines Lebens ist eine Art Neuerfindung meiner selbst. Aber es geht noch darüber hinaus. Es geht nicht nur darum, Menschen aus verschiedenen Ländern auf der Straße oder in Zügen zu treffen, sondern auch darum, in Theatern, Kunstgalerien und Kinos präsent zu sein und Filme aus aller Welt zu sehen. All dies ist eine direkte Begegnung mit vielfältigen und lebendigen Kulturen – eine Erfahrung, die ich sowohl als zutiefst freudig als auch als zutiefst inspirierend empfinde.
Haben Sie noch Kontakt zu Künstlern im Iran? Wie geht es den Künstlern im Iran derzeit?
Rasoulof Ja, ich habe das Glück, mit vielen meiner Kollegen im Iran täglich in Kontakt zu stehen. Was mich am meisten inspiriert, ist ihre erstaunliche Beharrlichkeit – ihr unermüdliches Bemühen, die Verzweiflung zu überwinden und trotz so vieler Hindernisse weiter zu schaffen.